Wisente, Weihrauch und Wolkenkratzer -
Warschau und die ostpolnische Wildnis

Von Darek Wylezol

Nirgendwo in Europa ist die Natur gleichermaßen ursprünglich und die Kultur so vielfältig wie in Ostpolen. Im Bialowieska Urwald werden die ältesten Eichen 500 Jahre alt. Der dort lebende Wisent lässt sich mancherorts auch am Dorfrand blicken. Die russisch-orthodoxe Zwiebelkuppel ragt neben dem katholischen Kreuz und dem moslemischen Halbmond in den Himmel. Und das Beste dabei: Dieses Natur- und Kulturparadies kennt noch keinen Massentourismus.

Ein einzelner Lichtstrahl schimmert durch den Blätterwall des Urwaldes. Der schmale Wanderweg ist noch in Morgennebel eingehüllt. Von beiden Seiten engt uns dichtes Buschwerk ein. Ich gucke mir die Augen nach Wisenten aus, von denen hier etwa 300 in freier Natur leben sollen. Vorne erkenne ich eben noch Herrn Tadek, der uns zu den Tieren führt. Mehr oder weniger geräuschlos folge ich den Handzeichen meines Begleiters. Wie auf einer Bisonjagd im Wilden Westen schleichen wir uns erwartungsvoll an die wisentreichste Futterstelle im Bialowieska Urwald an... Zwei Wochen lang erkunde ich den unberührten Osten Polens. Ich schloss mich für ein paar Tage einer Wanderergruppe von Wikinger Reisen an, die mit ihrem Reiseleiter einer ähnlichen Route folgt. Gemeinsam erkunden wir die Nationalparks entlang der polnischen Ostgrenze, die als das schönste Naturparadies jenseits der Weichsel gilt. Eines der ältesten natürlichen Waldgebiete Europas befindet sich hier in Bialowieza, direkt an der polnisch-weißrussischen Grenze. Die ältesten Eichen hier werden auf 400-500 Jahre geschätzt und der Durchschnittsbaum erlebt derzeit das 126 Lebensjahr! Dabei sind die Baumsenioren keineswegs klapperig und verkrümmt. Mit stolzen 52 m schießt die höchste Fichte zum Himmel, der erwachsene Eichenwipfel blickt aus einer schwindelerregenden Höhe von 41 m zu seinen jüngeren Laub- und Nadelbrüdern hinunter. So wachsen die Bäume im Bialowieska Urwald: Kerzengerade eilen sie in die Höhe. Auf dem Weg nach oben wird keine Kraft für Äste verschwendet. Erst wenn sie den lebensspendenden Sonnenschein erblicken, setzen sie eine schlichte Krone auf. Damit kommen nur die höchsten in den Genuss, ihre Arme in der Sonnenwärme auszustrecken. Wer dagegen vor der Lichtgrenze aufgibt, der verkümmert im ewigen Schatten des Urwaldes. Auch der Vierbeiner muss um sein Überleben in Bialowieza bangen. Vor allem im Winter wird die Nahrung knapp und die Tiere müssen zugefüttert werden. Selbst der Wisent, das größte Tier Europas und der König der Bialowieska Wildnis, weiß um die Gefahren der kältesten Jahreszeit und gründet eine Über-Lebensgemeinschaft auf Zeit. Ende November hört er mit dem Umherziehen auf und schließt sich einer Herde an, in der er bis Anfang April nahe einer Futterstelle lebt. Gerade dann, wenn die Tiere nahrungsbedingt an einen Ort gebunden sind, ist die beste Zeit für ihre Beobachtung.

Pan Tadek weiß das. Aber die Wisente sind trotzdem nicht da. Die 20-Kopf-starke, etwa 15 000-kg-schwere „gestern-war-sie-noch-hier“-Herde löste sich in der klaren Bialowieza-Luft auf. Überall sehen wir Spuren. Wir verstecken uns und warten. Lange Zeit passiert nichts, aber dann... Pscht! Der Zeigefinger unseres Führers bewegt sich von seinen Lippen nach vorne. Da, im Dickicht, ein großes Tier, Einzelgänger. Ein Wisent? Noch zu früh für Singles. Ein Bär?! Unwahrscheinlich, sie verlassen nur selten das Lukaschenko-Reich. Nacheinander kommen aus dem Busch eine zu große Nase, ein zu kurz geratener Hals und vier laufstegtaugliche Langbeine. Es ist ein Elch! Ein äußerst selten gewordener Besucher im Bialowieska Urwald, wir haben Glück! Hungrig muss er sein: Als scheuer Ruhefanatiker meidet er unruhige Gegend und äst normalerweise nachts. Wie zwei Periskope schwenkt er eben seine Ohren zu unserem Versteck hin. Seinem kurzsichtigen Auge bleiben wir entzogen, das Gehör drängt ihn schon zur Flucht...

Kirchtürme, Königsschlösser und der Kulturpalast – Warschau ist eine Weltstadt und gleichzeitig das Tor zur ostpolnischen Wildnis. Nach der aufregenden Kamerajagd im Bialowieska Urwald - wenn die Zivilisation wieder ruft - komme ich gern hierher. Ich streife durch die stillen Hinterhöfe, an dem Königsschloss und der Johannes der Täufer-Kathedrale vorbei. In der Nähe der Barbakane esse ich die besten Pfannkuchen Warschaus. Die kleine Bar stammt noch aus der sozialistischen Ära, aber die Küche kann mit den nobelsten Lokals der Hauptstadt mithalten. Ein geheimer Treppengang führt mich dann zur Weichsel hinunter. Hier am Fluss zeigt sich die Stadt von ihrer schönsten Seite. Die pastellfarbenen Bürgerhäuser kleben aneinander an der Flussböschung. Unten am Wasser sitzt ein Angler, dem das Stadtpanorama als Kulisse für seinen Fischfang dient.

Man glaubt es kaum, aber die Altstadt von Warschau ist noch keine fünfzig Jahre alt. Sicherlich, es gab auch noch die „echte“, 600-jahre alte Starówka. 1944, als der Warschauer Aufstand ausbricht, wird die polnische Metropole dem Boden gleich gemacht. In flotten neun Jahren bauen die Polen eine völlig neue Stadt, die wie die alte aussieht: Anhand der Stiche des italienischen Künstlers Canaletto rekonstruieren sie Straße für Straße, Haus für Haus. Noch ist Polen nicht verloren! In die Mitte des Marktplatzes stellen sie die furchtlose Sirene auf, das Wappensymbol und gleichzeitig der Schutzengel Warschaus. An ihrer Statue plaudern heute wieder die Fiaker, der Leierkastenspieler wärmt sich in der Sonne. Warschau lebt! Eine Touristengruppe lauscht dem Stadtführer, der unzählige Anekdoten zu erzählen weiß. So höre ich, dass das höchste Gebäude Warschaus - der Kultur- und Wissenschaftspalast - das Geschenk Stalins ist. Er bestimmte den Standort seines Präsents und schickte seine Zuckerbäckerstil-Architekten an die Weichsel. Seine Großzügigkeit war damit zu Ende. Die Warschauer mussten selbst in die Tasche und dann zur Kelle greifen. Das 234 m hohe Gebäude bietet bis heute jedoch das schönste Stadtpanorama von allen Hochhäusern Warschaus, denn von seiner Aussichtsterrasse ist das Stalingeschenk selbst nicht zu sehen... Der Kulturpalast wurde bereits dreimal abgerissen, bisher jedoch nur im polnischen Film. Einige Polen würden gern die Leinwandfantasie in die Tat umsetzen. Für die meisten allerdings ist das Gebäude längst zum Wahrzeichen der Hauptstadt geworden.

Ein wahrer Stolz der Warschauer ist dagegen die Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie (Krakauer Vorstadt). Als ehemaliger Königsweg nimmt sie ihren Anfang am Schloßplatz, an dem die erst in den 80-er Jahren wiederaufgebaute Residenz der polnischen Könige steht. Sigismund III. Wasa, der polnische Wahlkönig, der 1596 die Hauptstadt von Krakau nach Warschau verlegte, weist mir von der Platzsäule die Gehrichtung. Die von ihm und seinen Nachfolgern gebauten Palazzos, Kirchen und Gartenanlagen zieren die kilometerlange und prächtigste Flaniermeile Warschaus. Viele von den ehemaligen Herrenhäusern dienen heute als Sitz der wichtigsten Institutionen Polens: Hier finde ich u.a. die Warschauer Universität, das Kulturministerium und die Kunstakademie. Selbst der polnische Präsident quartiert an der Krakauer Vorstadt: Der Palast Radziwill ist bis zu den Präsidentenwahlen im Oktober 2005 noch die Hausanschrift von Aleksander Kwasniewski. Würde man hingegen mich fragen, wo sich die erste Adresse Warschaus befindet, dann würde ich auf keinen Prachtbau an der Krakauer Vorstadt zeigen, sondern auf ein bescheidenes Schaufenster in der Nowy Swiat (Neue Welt) 33. Denn dort in der Konditorei Blikle bin ich zu Gast beim Meister der polnischen Feinbäckerei, wo mich die süßesten Berliner (paczki) an der Weichsel verführerisch anlächeln... Im Abteil riecht es nun nach Omas Küche. Meine korpulente Nachbarin reicht mir eine Schale mit Bigos, einem Sauerkrauteintopf. Ihr nicht weniger runder Mann drückt mir in die zweite Hand ein Glas Wodka. Ihn abzulehnen käme einer Beleidigung gleich. Ich steuere dazu ein paar Butterbrote bei. So will es das altpolnische Reiseritual: Du kostest von meinem Teller, ich trinke aus deiner Flasche. Das bringt Glück unterwegs. Nun kann die Fahrt in die ostpolnische Wildnis beginnen.

Es dämmert bereits, als ich Grabarka bei Siemiatycze erreiche. Am Brunnen treffe ich noch die letzten Pilger, die mir wortlos einen Becher mit dem Wasser aus der heiligen Quelle reichen. Wir trinken und lauschen dem leisen Gesang der Nonnen aus dem naheliegenden Kloster. Die tiefstehende Sonne lässt noch zum letzten Mal die Kreuze am Berg und die Zwiebelkuppel der Kirche rot erstrahlen und verschwindet dann hinter dem Horizont.

Als ich die hölzerne Kirche am frühen Morgen besichtigen möchte, ist sie noch geschlossen. Eine Nonne eilt aber schon mit dem Schlüssel zum Eingang. Von der Decke stürzen auf mich Farben, Muster und Ornamente hinunter. Himmlisch blau leuchten die Wände. Hunderte von bärtigen Heiligen, mit dem sechsarmigen Kreuz in der Hand, mustern mich mit ihren strengen Blicken.

Das Gotteshaus in Grabarka ist die wichtigste Kultstätte der orthodoxen Kirche Polens. Seit dem 18. Jh. besteht die Pilgertradition zum Heiligen Berg und der wundertätigen Quelle. Sie soll, der Überlieferung nach, die Einheimischen vor der Cholera gerettet haben. Wenige Jahre nach dem Wunder entsteht die erste Kapelle, seit 1947 existiert hier ein Nonnenkloster.

Die magische Stimmung dieses Ortes zieht mich nicht zum ersten Mal in ihren Bann. Wirklich faszinierend ist Grabarka zum Fest der Verklärung Christi, das in der Nacht vom 18. auf den 19. August zelebriert wird. Zehntausende russisch-orthodoxe aus Polen, Weißrussland und der Ukraine pilgern an dem ersten Festtag zu ihrem Heiligtum. Auf den Rücken nehmen sie Kreuze: Kleine, die sie selbst tragen können, oder große, die sie zu mehreren transportieren. Wenn sie die Quelle erreichen, waschen sie ihre kranken Körperteile mit einem weißen Tuch. Das Wasser aus dem polnischen Ganges macht gesund, das Tuch, das den Körper von Krankheit befreit, lässt man am Brunnen liegen. Danach steigen sie - einige auf den Knien - zum Heiligen Berg auf. Dort suchen sie einen Ort aus, wo sie ihr Kreuz in die Erde einschlagen. Jedes Kreuz gleicht einem Gebet: Damit das Vieh vor Krankheiten verschont bleibt oder die Tochter einen anständigen Ehemann findet. Nun beginnt auch die erste Messe. Die Menschen stehen überall:
Auf dem Kirchplatz und Friedhof, zwischen den Kreuzen und Kiefern. Die Sonne geht unter, die ersten Kerzen werden angezündet, jemand stimmt ein Lied an. Es wird gesungen und gebetet, die ganze Nacht lang. Das Kerzenlicht flattert. Der Weihrauch hängt mystisch in der Luft über Grabarka.

Der gesamte Osten des Landes ist die interessanteste und abwechslungsreichste Region Polens. Es ist ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Völker, die sich im Laufe der Jahrhunderte hier niederlassen. Sie alle bringen jeweils andere Bräuche, Sprachen und Religionen mit sich. So trifft man heute neben den katholischen Kirchen der Polen und Litauern die orthodoxen Gotteshäuser der Weißrussen und Ukrainer. In Krynki, wo vor 1939 90% der Bevölkerung Juden waren, überleben zwei von fünf Synagogen den zweiten Weltkrieg. Mit den Tataren aus Zentralasien strömt im 17. Jh. der Islam ins Land. Ihre Nachkommen leben bis heute noch in der Gegend um Bohoniki. Als ich dorthin einen Abstecher mache, staune ich schon ein wenig über den Halbmond am Muezzinturm und die arabische Schrift auf dem Friedhof. Ist das noch Polen oder schon die zentralasiatische Steppe? Das Dorf, wie viele andere in Ostpolen, wirkt still und verträumt, denn östlich von Warschau hört die westliche Hektik auf. Ich radle durch ein Polen aus dem Bilderbuch: Eine Gänsekolonne wackelt an den mit Blumen gezierten Holzhäusern vorbei. Der rotschnablige Frühlingsbote bringt sein Nest auf Vordermann, um Frau Storch mit allen Ehren zu empfangen. Ein Pferdewagen rattert über den holprigen Feldweg, der silberhaarige Kutscher lüftet vor mir den Hut. Es kommt mir so vor, als ob hier die Zeit noch vor der Oktoberrevolution stehen geblieben wäre...

Danzig, Breslau und Posen gehören zwar zu den schönsten Städten Polens. Wer aber nur den Westen oder Norden der Weichselrepublik kennen lernt, der entdeckt nur die halbe Schönheit des Landes. In Grabarka, Bialowieza oder Bohoniki, erlebe ich die morgenländische Spiritualität und den unverfälschten Reiz der ostpolnischen Natur. Auch wenn der Wisent wie ein Elch aussieht...

Wikinger Reisen veranstaltet eine Wanderstudienreise in Ostpolen.

Weitere Informationen und Reiseziele unter:
Wikinger-Reisen
Kölner Str. 20
58135 Hagen

Homepage: Wikinger-Reisen

Zurück